Promenade

1921

Promenade

In dieses grünen Parks Revieren
Fließt milder Hauch von Baum zu Baum,
Die jungen Mädchen gehn spazieren,
Das Leben ist ein Liebestraum.
An Tante Marlitt just ergötzt sich
Die breite Bonne neben mir,
Ein Greis in braunem Schurzfell setzt sich:
Evviva Wurst und Lagerbier!

Mit sorgenhaft vergrilltem Blicke
Spazierstockt ein Rentier daher:
“Auf nichts Verlaß! Die Welt voll Tücke!
Die Kurse sinken immer mehr.”
Ein Dutzend Kinder schlingt den Reigen,
Der Springbrunn silberne Funken speit,
Die Strahlen sprudeln, springen, steigen –
O wunderschöne Jugendzeit.

Am Brückenpfeiler dort zerschellen
Die Fluten, gurgelnd rauscht es hohl,
Ein Weib starrt trostlos in die Wellen
Und seufzt: “Wie wär’ mir drunten wohl!”
Sie flieht den Strom mit leisem Stöhnen,
Frech gafft ein Geck ihr ins Gesicht,
Die Eisenhämmer drüben dröhnen,
Der Qualm verschlingt das Sonnenlicht.

Gesammelte Werke. Erster Band: Buch des Lebens, München 1921, S. 25-26.